Die Losungen

Um deines Namens willen verwirf uns nicht! Lass den Thron deiner Herrlichkeit nicht verspottet werden!
Jeremia 14,21

Paulus schreibt: Wir beten allezeit für euch, dass unser Gott euch würdig mache der Berufung und vollende alles Wohlgefallen am Guten und das Werk des Glaubens in Kraft.
2.Thessalonicher 1,11

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Bildpredigt am Karfreitag 2018

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Gabriele Heynold: Gewalt zunähen  |  www.gabriele-heynold.de

 

Also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen ein­geborenen Sohn gab, damit alle, die an ihn glau­ben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben. (Joh 3,16)   

 

Liebe Gemeinde,

viele von uns haben schon an einem offenen Grab gestanden. Ein vertrauter Mensch war gestorben. Jemand, der zu unserem Leben gehörte und zu dessen Leben wir gehörten. Als Angehöriger, als Freund. Und dann kam der Tod und trennte uns von einander. Viele von uns haben diese Erfahrung schon mehr als einmal machen müssen, schon viel mehr als einmal. Manche von uns haben auch das Sterben selbst schon aus nächster Nähe miterlebt. Sie waren mit dabei in den letzten Stunden, da ein Leben zu Ende ging. Es sind dies noch einmal ganz wert­volle Momente. Nicht, dass wir uns das wünschen würden, aber doch ist das Sterben der letzte Abschnitt des Lebens, des Zusammenlebens mit dem Angehörigen, mit dem Freund.

Und es macht einen so völlig hilflos. Weil man es nicht ändern kann. Vielleicht auch gar nicht ändern will. Schließlich kann der Tod auch eine Erlösung sein, eine Erlösung von Schmerzen und von Qual. Und dann willigen wir ein, schweren Herzens aber doch einverstanden, und lassen den geliebten Menschen in Frieden ziehen. Wir legen ihn getrost in Gottes Hand. Wir legen seinen Leib getrost in Gottes Erde. Doch die Trauer bleibt. Oft kommt sie erst Wochen später, ausgelöst durch eine Erinnerung, durch ein Lied, durch ein Bild, durch einen Duft, durch ein Wort. Die Trauer bleibt und wird uns zum Begleiter, so wie vorher der Mensch unser Wegbegleiter war. Und nun also die Trauer. Sie ist die Rückseite der Liebe, die Kehrseite der Freundschaft. Nur wer liebt, kann auch trauern.

Aber was ist das für eine Sache mit dem Tod? Auch wenn wir alle wissen, dass das Leben nun einmal enden wird mit dem Tod, jedes Leben, dann können wir es doch nicht begreifen. Erklä­ren ja, aber nicht wirklich verstehen. Wie kann das sein, dass jemand, der doch über Jahre und Jahr­zehnte da war, nun nicht mehr da ist? Warum ist das so? Der Tod ist eines der Geheimnisse unseres Lebens. So wie das Leben selbst immer ein Geheimnis bleiben wird. Dass ich lebe, dass Du lebst, dass wir atmen, Zug um Zug, Tag für Tag, Nacht für Nacht, jahrein jahraus - es bleibt ein Geheimnis.

Vom Atmen spricht die Bibel gleich auf ihren ersten Seiten, wenn es heißt: Da machte Gott der HERR den Menschen aus Erde vom Acker und blies ihm den Odem des Lebens in seine Nase. Und so ward der Mensch ein lebendiges Wesen.  (1.Mose 2,7)  Wenn wir also atmen, dann atmet gleichsam Gott in uns. "Wer ist Gott?", fragen wir Menschen. "Wo ist Gott? Gibt es einen Hinweis auf Gott? Wie können wir glauben an Gott?" So fragen wir. Dabei ist jeder Atemzug, den wir tun, bereits die Antwort auf unsere Fragen. Jeder Atemzug gebo­ren aus dem Atem Gottes. Aus dem Odem des Herrn. Wir tragen gleichsam Gottes Atem in unse­rem Leib, solange wir leben. Und dann, eines Tages, an einem Tag, den wir zuvor nicht wissen - Gott sei Dank! - ist es der letzte Atemzug. Und mit dem Atem entweicht das Leben. Wohin entweicht es? Löst es sich einfach in Nichts auf? Oder geht es wieder zurück zu Gott, von wo es ja einst seinen Ausgang nahm? Wer das glauben kann, der mag getröstet an einem Sterbebett stehen. Und wenn wir es in dem Moment nicht glauben können, dann glauben es vielleicht andere für uns. Und geben uns damit Halt in der Trauer. So kann der Glaube an Gott, den Schöpfer Trost bedeuten im Angesicht des Todes.

Doch die Botschaft des Neuen Testamentes geht noch darüber hinaus. Es erzählt, dass Gott selbst - in dem Menschen Jesus - sein Leben ausgehaucht hat. Was ist das für ein Geheimnis? Zunächst machen wir uns einmal klar, dass wir Christen etwas glauben und bekennen, was für die anderen Weltreligionen kaum denkbar ist. Bei aller gegenseitigen Wertschätzung und Annäherung zwischen den Religionen, für die wir heute dankbar sein können – es bleibt ein Unterschied. Dass Gott nämlich selbst in Gestalt eines Menschen in die Welt gekommen sei, um in der Welt schließlich wieder zu sterben - das ist vermutlich weder aus jüdischer noch aus muslimischer Sicht akzeptabel.

Das Bekenntnis zu dem Gekreuzigten ist wohl das Allein­stellungsmerkmal des Christentums. Gott am Kreuz, Gott im Tode, dieses Bekenntnis war von Anfang an ein Skandal. Schon der Apostel Paulus schreibt an die Korinther (1.Kor 1,23): Wir verkündigen Christus als den Gekreu­zigten: für Juden ein empörendes Ärgernis, für Heiden eine Torheit.  Die Botschaft vom Kreuz ist ein Skandal. Wir haben uns so gewöhnt an das Kreuz als Zeichen unserer Religion, dass uns das ursprünglich Verstörende dieses Zeichens kaum noch bewusst ist. Darum ist das Bild von Gabriele Heynold so wirksam auf unserem Altar an diesem Karfreitag. Denn es ist – so sehe ich es – ein anstößiges Bild:

Quer durch die Leinwand geht ein tiefer Schnitt. Mit grober Schnur ist er zugenäht. Dreht man das Bild herum, so ist auf der Rückseite rote Farbe zu sehen, die durch den Schnitt hindurch nach hinten gelangt sein muss. Nichts „stimmt“ an diesem Bild. Und gerade dadurch wirkt es auf mich so echt. Mich erinnert das Bild an eine Wunde. Man mag dabei an schlimme Bilder aus den Nachrichten denken. Oder an eine überstandene OP. Es kommen Szenen in den Sinn, die sich keiner wünscht. Auch finde ich dieses Bild nicht „hübsch“. Man müsste sich überlegen, ob man es im Wohnzimmer hängen haben möchte. Wobei Kunst ja gerade nicht dekorativ sein muss, um beim Betrachter etwas auszulösen. Dieses Bild jedenfalls ist für mich anstößig. Darum habe ich es heute, am Karfreitag, auf den Altar unserer Kirche gestellt.

Man kann beim Betrachten des Bildes den Fokus natürlich auch anders setzen. Und nicht zuerst den blutroten Riss wahrnehmen, sondern vielmehr die mühevoll gearbeitete Naht, welche den Riss heilen will. Als Symbol für die Mühe der Integration. Aufeinander zugehen. Streit schlichten. Gemeinsamkeiten suchen. Und dadurch Frieden stiften. Auch dafür steht das Bild von Gabriele Heynold. Heute am Karfreitag erinnert es uns daran, dass das Kreuz den ersten Christen und ihren Zeitgenossen ein anstößiges Zeichen war. Es gab den Anstoß zum Nachdenken über Jesus von Nazareth, seinen Tod und sein Leben. In ihm fanden sie schließlich das Zeichen der Erlösung. So wurde das Kreuz zum zentralen christlichen Symbol. Und der Karfreitag zu dem Tag, an welchem wir zur Mitte unseres Glaubens gelangen.

Also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen ein­geborenen Sohn gab, damit alle, die an ihn glau­ben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben.    Amen.

 

Pfarrer Wolfgang Bromme  |  mail: wolfgang.bromme@ekkw.de