Die Losungen

Wer des HERRN Namen anrufen wird, der soll errettet werden.
Joel 3,5

Klopfet an, so wird euch aufgetan.
Lukas 11,9

© Evangelische Brüder-Unität – Herrnhuter Brüdergemeine
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Warum läutet es nicht mehr?


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Ich habe es nachgemessen. Gerade einmal 30 Meter beträgt der Abstand vom Glockenstuhl der nahen Kirche bis zu meinem alten Schlafzimmerfenster. Zu jeder Viertelstunde erklingt der Glockenschlag. Einmal um viertel, zweimal um halb, dreimal um dreiviertel, schließlich vier mal zur vollen Stunde. Darauf folgt, je nach Uhrzeit, einmal bis zwölfmal der Stundenschlag. So läutet es am Tage und in der Nacht. In Summe 396 mal in 24 Stunden. Dreizehn Jahre lang habe ich dicht neben der Kirche gewohnt. In dem Spessartdorf Neuengronau, in dem ich früher Pfarrer war. Der Glockenschlag ist mir dort lieb geworden. Es dauerte nicht lang, da hatte ich mich daran gewöhnt, wie alle im Dorf, und konnte durchschlafen. Wenn ich zuweilen einmal nachts aufwachte und den vertrauten Stundenschlag hörte, war mir dies ein willkommener Gruß vom Kirchturm. Seit ich in Hanau wohne, höre ich viel weniger von den Glocken. Dafür ist das Grundrauschen der Stadt hier allgegenwärtig. Und am Tage auch die Flugzeuge am Himmel.

In Wolfgang wird der Glockenschlag derzeit diskutiert. Ein Nachbar der Lutherkirche hat sich beim Kirchenvorstand über Lärmbelästigung beschwert. Das ist sein gutes Recht. Eine amtliche Messung des Lärmpegels ergab nun tatsächlich eine Überschreitung des zulässigen Grenzwertes. Dabei ging es nicht um das sogenannte „Liturgische Läuten“, mit dem die Gemeinde zum Gottesdienst gerufen wird. Vielmehr ist das (bei uns nur tagsüber geschaltete) „Zeitläuten“ der Stein des Anstoßes. Der Kirchenvorstand lässt derzeit prüfen, ob und wie hierbei der Schall technisch reduziert werden kann. Bis zur Klärung dieser Fragen bleibt das Zeitläuten vorübergehend abgeschaltet. Nun aber häufen sich die Anfragen anderer Nachbarn, die das Zeitläuten vermissen! Ganz wie im Sprichwort: „Was dem einen sin Uhl, ist dem andern sin Nachtigall“. Es hängt eben davon ab, wie ein Mensch das Glockenläuten persönlich empfindet und beurteilt.

LK_Wolken

Nach deutscher Rechtsprechung gilt das Liturgische Glockenläuten als Religionsausübung und ist somit durch das Grundrecht der Religionsfreiheit (Art. 4GG) geschützt. Im Blick auf das Zeitläuten ist die Rechtsprechung dagegen nicht eindeutig. Nach kirchlicher Tradition rufen Glocken aber nicht nur zum Gottesdienst. Sie sind ebenso eine Erinnerung der Gläubigen an das Vergehen der von Gott gegebenen Zeit und eine Einladung zum Gebet. Wer etwa mittags um zwölf Uhr irgendwo im Alltag eine Kirchenglocke hört, mag für einen Augenblick innehalten und vielleicht kurz den Blick zum Himmel richten, oder ein persönliches Wort. Ein solches Ritual kann gut tun. Entschleunigung heißt das auf Neudeutsch. Man muss im übrigen nicht fromm sein, um in den Kirchen mit ihren Glocken einen schützenswerten Teil unserer Kultur zu erkennen. Für Muslime, die nach Deutschland kommen, ist aus ihren Heimatländern selbstverständlich, dass dort der Muezzin fünfmal am Tag lautstark zum Gebet ruft. Wollen wir wirklich die noch sichtbaren Reste unserer christlichen Kultur aus dem öffentlichen Raum verdrängen?

Sicher muss eine Kirchengemeinde die geltenden Vorschriften für Lärmemissionen einhalten. Insofern können wir dem Nachbarn dankbar sein. Seine Beschwerde gibt uns Anlass, das Geläut nun den gesetzlichen Vorgaben anzupassen. Aber noch dankbarer bin ich für die Bürger, die uns jetzt ihre Wertschätzung für das Glockenläuten mitteilen. Nachts schweigt die Lutherkirche Wolfgang (im Gegensatz zu meiner alten Dorfkirche), doch tagsüber hat sie offenbar viele Freunde.

Darüber freut sich
Ihr Pfarrer Wolfgang Bromme