Die Losungen

Wer des HERRN Namen anrufen wird, der soll errettet werden.
Joel 3,5

Klopfet an, so wird euch aufgetan.
Lukas 11,9

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Macht hoch die Tür, die Tor macht weit

Festpredigt zum 24. Psalm, anlässlich der Wiedereröffnung der Lutherkirche Wolfgang am Zweiten Advent 2016 von Propst Bernd Böttner

 

PropstBoettner

Liebe Festgemeinde!

„Lutherkirche erwacht aus Dornröschenschlaf!“
„Lutherkirche strahlt zum Jubeljahr der Reformation in neuem Glanz!“
Lutherkirche öffnet neue Einsichten für die Feier des Glaubens!“

So könnten die Schlagzeilen für die Wiedereröffnung der Lutherkirche in Wolfgang lauten.
Die feiern wir heute am 2. Advent. Schön, dass Sie alle gekommen sind und mitfeiern:
Wolfgänger und Großauheimer, Großkrotzenburger und Hanauer, Gäste aus nah und fern, Kirchenvorstand, Vorsitzende der Stadtverordnetenversammlung und Ortsbeirat, Gospelchor und LimesBand.

Hier und heute ist Kirche zum Anfassen, kommt Kirche auf Tuchfühlung!
Menschen mit unterschiedlichen Lebensgeschichten, mit unterschiedlichen Einstellungen zum Leben, Menschen aus unterschiedlichen Kulturkreisen und mit unterschiedlichem Musikgeschmack kommen zusammen und feiern – und das ist gut so! Kirche ist  kein einliniger, kein einfarbiger Verein. Kirche, das ist gelebte Vielfalt, versöhnte Verschiedenheit, das ist Lust zum Feiern.

Wir feiern Wiedereinweihung der Lutherkirche im Advent!
Mit dem Advent beginnt das neue Kirchenjahr – und es beginnt immer mit der Nummer 1 im Evangelischen Gesangbuch, mit „Macht hoch die Tür“. So haben wir zusammen gesungen, alle fünf Strophen.

Die biblische Grundlage für das Lied ist der Psalm 24 – wir haben ihn miteinander gebetet.

Schauen Sie noch einmal auf den Text auf unserem Liedblatt!

Aus drei Teilen besteht der Psalm:
„Die Erde ist des Herrn!“ So beginnt er mit einem Bekenntnis zu Gott dem Schöpfer in den Versen 1+2. „Die Erde ist des Herrn und was darinnen ist, der Erdkreis und die darauf wohnen. Denn er hat ihn über den Meeren gegründet und über den Wassern bereitet.“
Dahinter steht das Weltbild der Antike. Über den Wassern des Urmeeres hat Gott auf mächtigen Pfeilern die Erde aufgerichtet. Unser Bild von der Erde und dem Universum ist heute ein völlig anderes. Das Bekenntnis zu Gott dem Schöpfer, zu dem, der hinter allem Werden und Vergehen steht, ist dasselbe. Die Erde ist des Herrn – sie gehört nicht uns Menschen, sie gehört Gott, sie ist uns anvertraut, damit wir sie bebauen und bewahren.

Wer darf den Gottesdienst im Tempel mitfeiern? Mit dieser Frage beginnt der 2. Teil des Psalms. Wir dürfen uns die  Verse 3 – 6 vorstellen wie einen Wechselgesang zwischen den Pilgern, die zum Tempelberg in Jerusalem hinaufziehen und Einlass begehren in das Heiligtum, und denen, die im Tempel Dienst tun: Wer darf in den Tempel einziehen?  Welches Verhalten, welche Einstellung zum Leben müssen die Besucherinnen und Besucher des Gottesdienstes an den Tag legen? So fragen die, die Einlass begehren.

In den Versen 4 + 5 folgt die Antwort derer, die im Tempel Dienst tun:
„Wer unschuldige Hände hat und reinen Herzens ist, wer nicht bedacht ist auf Lug und Trug und nicht falsche Eide schwört.“ Wer so zum Gottesdienst kommt, der kann mit dem Segen Gottes wieder nach Hause gehen. Der geht von Gott gerechtfertigt, der erfährt das Heil Gottes! So fragt und sucht man nach Gott im Tempel.

So fragen und suchen wir nach Gott - auch hier in der Lutherkirche in Wolfgang.
Dabei ist es ja nicht so, dass wir alle von uns behaupten könnten, wir seien ohne Schuld und Fehler gekommen. Niemand kann das von sich behaupten. Darum kommen wir ja zum Gottesdienst, um unsere Schuld zu bekennen, um „Kyrie eleison“, „Herr, erbarme dich“ zu rufen und dann Gott zu danken, ihn zu loben und zu preisen, dass er uns unsere Schuld vergibt. Wo, wenn nicht hier in der Lutherkirche wird das offensichtlich: Wir gehen als gerechtfertigte Sünder aus dem Gottesdienst hinaus!
Wir wollen nicht an unserer Schuld festhalten, wir wollen uns nicht auf unsere Fehler festlegen lassen, wir wollen frei werden, wir wollen unsere offenen und leeren Hände hinhalten und gefüllt mit Gottes Segen wieder hinausgehen.

Mit dieser Erwartung ziehen die Pilger in den Tempel ein und singen im großen Tempeltor:
„Machet die Tore weit und die Türen in der Welt hoch, dass der König der Ehre einziehe!“

Und die drinnen fragen und antworten:
„Wer ist der König der Ehre?“
„Es ist der Herr, stark und mächtig, der Herr, mächtig im Streit.“
„Es ist der Herr Zebaoth; er ist der König der Ehre.“

Was nützt es mir im Tempel, im Gottesdienst zu sein, wenn ich Gott nicht begegnen kann? Wir können noch so schöne Gottesdienste feiern, wenn Gott selbst hier nicht anzutreffen ist, dann bleibt alles leer.

Manche nehmen an, dass zu den großen Festen in Jerusalem die Bundeslade in einer feierlichen Prozession durch die Straßen und wieder in den Tempel hinein getragen wurde. Die Bundeslade war ein kostbar verzierter Kasten, in dem die Gebote aufbewahrt waren. Die Bundeslade war das sichtbare Zeichen für die Anwesenheit Gottes.
So wie auch wir Zeichen haben in unseren Kirchen, die nach der Zeit der Bau- und Renovierungsarbeiten zu Beginn von den Mitgliedern des Kirchenvorstandes hereingetragen wurden.
Ob es sich mit der Bundeslade genau so verhalten hat, das wissen wir nicht. Woran kann man das schon festmachen, dass Gott wirklich im Tempel wohnt, dass Gott heute Nachmittag hier in der Lutherkirche unter uns ist?

Als der König Salomo den ersten Tempel in Jerusalem einweiht, da fragt er in die Menge:
„Sollte Gott wirklich auf Erden wohnen? Siehe, der Himmel und aller Himmel Himmel können dich nicht fassen – wie sollte es dann dies Haus tun, das ich gebaut habe?“

Und weil er selbst die Antwort nicht liefern kann, betet er zu Gott:
„Wende dich aber zum Gebet deines Knechts und zu seinem Flehen, Herr, mein Gott, damit du hörest das Flehen und Gebet deines Knechts heute vor dir. Lass deine Augen offen stehen über diesem Hause Nacht und Tag, über der Stätte, von der du gesagt hast: Da soll mein Name sein. Du wollest hören das Gebet, das dein Knecht an dieser Stätte betet, und wollest erhören das Flehen deines Knechts und deines Volkes Israel, wenn sie hier bitten werden an dieser Stätte; und wenn du es hörst in deiner Wohnung, im Himmel, wollest du gnädig sein.“

Nicht anders können wir heute bitten für das Haus, in dem wir miteinander Gottesdienst feiern – hier in der Kirche in Wolfgang und in allen unseren Kirchen.

Ja – und auch das dürfen wir wissen und sagen: Gott wohnt nicht nur in dem Haus, das seinen Namen trägt. Gott sei Dank! Gott will in jedem Haus wohnen, in dem Menschen in seinem Frieden miteinander leben.

Gott will, dass wir nicht nur am Sonntag in seinem Haus Gottesdienst feiern – sondern unser ganzes Leben ein vernünftiger Gottesdienst ist, wie Paulus an die Römer schreibt. Was wir am Sonntag im Gottesdienst hören, das versuchen wir an jedem Tag der Woche zu leben.

So schließt sich der Kreis zum 24. Psalm:
Was wir hier feiern, das soll uns, unseren Mitmenschen, dem Stadtteil, der Stadt, unserem Land, ja der ganzen Welt gut tun:
„Die Erde ist des Herrn. Geliehen ist der Stern, auf dem wir leben. Drum sei zum Dienst bereit … Gebrauche deine Kraft … Vertraue auf den Geist … Geh auf den andern zu … Weil Gott uns Frieden gab, kannst du ihn wagen!“

In diesem Sinne wünsche ich der Kirchengemeinde Wolfgang weit geöffnete Türen, dass Gott jeden Tag neu einziehen kann in die Lutherkirche – und in alle öffentlichen und privaten Häuser, dass Gott uns allen immer wieder und immer wieder neu begegnen kann, uns die Hände füllt mit seinem Segen, uns auf den Weg der Gerechtigkeit und des Friedens sendet und uns dabei zur Seite steht – wie es in dem schönen Lied vom Christuskind heißt.

So soll es ein – im Advent, an Weihnachten – und an allen Tagen des Jahres.
Amen.